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von
Manfred Hanglberger |
„Katholisch“ glauben
Wenn wir „katholisch“ hören, denkt wohl jeder
an die „Katholische Kirche“ und versteht unter „katholisch glauben“
entsprechend der Glaubenslehre dieser größten der christlichen Konfessionen
gläubig zu sein. Aber wenn wir die Kirchengeschichte bedenken, ist es
keineswegs so, dass die Katholische Kirche auch tatsächlich immer „katholisch“
geglaubt hat.
Denn was ist mit „katholisch“ im wortwörtlichen Sinne gemeint?
Das Wort kommt aus der altgriechischen Sprache
und ist zusammengesetzt aus „kata“ und „holos“ und bedeutet exakt „betreffend
das Ganze“.
Wenn wir zudem bedenken, dass „gläubig sein“ im Sinne Jesu nicht ein
„für wahr halten“ von Glaubenssätzen meint, sondern ein tiefes Vertrauen
darauf, dass Gott uns liebt, uns achtet und uns helfen will, das Leben sinnvoll
und liebevoll zu gestalten, dass wir eigenständig, aber auch verantwortungsvoll
mit unserem Leben und mit der ganzen Schöpfung umgehen lernen, dass wir zudem
durch unser Vertrauen in Gott zu einer helfenden und heilenden Haltung
gegenüber Mitmenschen und Mitgeschöpfen finden, dann ist Glaube vor allem eine umfassende
Lebensbejahung.
Genau diese umfassende Lebensbejahung ist mit „katholisch“ ausgedrückt.
Da das Leben viele verschiedene Dimensionen besitzt, ist es lohnend, das Wort
von der „umfassenden Lebensbejahung“ entsprechend aufzuschlüsseln:
Das „Ganze betreffend“ – können wir im Leben
Jesu auf das „Ganze
der Volksgemeinschaft“ beziehen. Denn verachtete und diskriminierte
Randgruppen und Minderheiten in der Gesellschaft waren Jesus und auch den
Evangelisten ein besonders Anliegen. Ob die Hirten oder die Steuereintreiber,
ob öffentliche Sünderinnen oder Kranke, die als von Gott Bestrafte betrachtet
wurden, – Jesus ging auf solche Menschen zu und holte sie wieder zurück in die
Gemeinschaft der Menschen. Er zeigte: die Liebe Gottes bzw. die Verantwortung
der Menschen bezieht sich immer „auf das Ganze“. Auch in seiner Jüngerschar
hat Jesus die Gegensätze der Gesellschaft zusammengeführt: Da gab es
den Zöllner Matthäus, ein Kollaborateur mit den Römern; aber es gab auch
Anhänger und Sympathisanten der jüdischen Freiheitskämpfer, die versuchten, die
verhassten Römer aus dem Land zu jagen.
Jesu „katholisches Verhalten“ bezog sich nicht
nur auf das Ganze des Volkes, sondern auch auf das Ganze der Völker, Kulturen und Religionen.
Jesus betrachtete auch einen syrischen General mit Namen Naaman
als einen gläubigen Menschen, ebenso eine syrophönizische
Frau, die sich voll Hoffnung mit der Bitte um Heilung ihrer kranken Tochter an
ihn wandte. Auch das Vertrauen eines römischen Hauptmanns, der Jesus um Hilfe
bittet für seinen kranken Diener, wird von Jesus als Vorbild des Glaubens den
Juden gegenüber gestellt. Die provozierende Gegenüberstellung der
Hilfsbereitschaft eines von den Juden verachteten Samariters mit einem Priester
und einem Priestergehilfen, die an einem Not leidenden Menschen vorüber gehen,
macht deutlich, dass Jesus nicht einteilt, in Juden und Heiden, in Gläubige und
Ungläubige im religiösen Sinn, sondern zeigt, dass Gott in allen Völkern und
Religionen Menschen zum Guten bewegt, dass sich menschliche Werte wie
Vertrauen, Wertschätzung und Hilfsbereitschaft auf die ganze Menschheit
beziehen müssen, also „das Ganze“ betreffend.
Katholisch, das „Ganze betreffend“ bezieht
sich auch auf
die Gemeinschaft der Menschen mit der übrigen Schöpfung. Die
zahlreichen Bildworte und Gleichnisse Jesu aus der Welt der Pflanzen, Tiere und
Naturelemente lässt uns etwas von seiner Wachheit gegenüber der Schöpfung
spüren und etwas von der Spiegelung unserer menschlichen Seele in den
Lebensprozessen der Natur. Wenn Jesus von der Verkündigung der Frohbotschaft an
alle Geschöpfe (Mk 16) und von der Vollendung der
ganzen Schöpfung (Mt 28) spricht, sehen wir, dass
seine lebensbejahende Kraft, seine Liebe, Sorge und Wertschätzung „dem Ganzen der
Schöpfung“ gilt.
Das „Ganze“ meint bei Jesus nicht nur die
Außenwelt, sondern auch die seelische Innenwelt, die in manchen
traditionellen Glaubensvorstellungen von Bewertungen, Ausgrenzungen und
Verdrängungen belastet ist. Bei Jesus wird der Mensch auch mit seinen
Schuldgefühlen und seiner Angst, mit seiner Trauer und seiner Sehnsucht ernst
genommen. Er selbst verheimlicht nicht seine Tränen um seinen verstorbenen
Freund, auch nicht seinen Zorn über entmündigendes, arrogantes Verhalten der
religiösen Führer. Und die Evangelien berichten von seiner heftigen Todesangst
am Ölberg. Was in der therapeutischen Arbeit unserer Zeit so grundlegend ist,
sehen wir bei Jesus schon im alltäglichen Verhalten praktiziert: Kein Gefühl
verteufeln, abwerten und unterdrücken, sondern die Vielfalt der Gefühle als Ausdruck und
Botschaften der Seele verstehen und so damit umgehen, dass sie weder
für uns, noch für andere verletzende Wirkungen haben, sondern helfen, das Leben
tiefer zu verstehen und umfassend anzunehmen.
So betrachtet liebt uns Gott in „katholischer“ Weise: Er liebt uns als
Ganzes, als Einheit mit unseren Licht- und Schattenseiten.
è Siehe „Ganzheitlichkeit“ (Kurzfassung
aus meinem Buch „Sinnvoll leben“, Pustet-Verlag,
Regensburg)